Was ist Zeit?

Mit “Geister in Princeton” bringt das Schubert Theater ab 11. April 2026 einen ebenso klugen wie berührenden Theatertext von Daniel Kehlmann erstmals als Figurentheater auf die Bühne.

© Julia Braunegger

Im Zentrum von „Geister in Princeton“ steht eine der faszinierendsten und widersprüchlichsten Figuren des 20. Jahrhunderts: der Logiker Kurt Gödel.

Zeit löst sich auf

Das Stück beginnt an seinem Ende – bei der Trauerfeier 1978 in Princeton. Doch schnell löst sich die Zeit auf. Vergangenheit und Gegenwart durchdringen einander, Erinnerungen werden lebendig, Gedanken nehmen Gestalt an.

Gödel selbst durchwandert all diese Ebenen, erlebt sich in einer Welt, in der Zeit, Raum und Wirklichkeit nicht mehr abgrenzbar sind, begleitet von seinem Alter Ego, seinem kindlichen Ich, von Lebenden wie auch Toten.

Daniel Kehlmann entfaltet in diesem Stück ein vielschichtiges Panorama, das biografische Stationen, philosophische Fragen und historische Umbrüche miteinander verbindet.

Im Wiener Kreis

Das Stück schwenkt in das Wien der 1930er Jahre, der junge Gödel ist Teil des Wiener Kreises, jener legendären Gruppe von Philosophen und Wissenschaftlern, die an eine rationale, erklärbare Welt glaubten. 

Namen wie Moritz Schlick, Rudolf Carnap oder Otto Neurath stehen für den Optimismus einer Epoche – und zugleich für ihre Zerbrechlichkeit.

Der Unvollständigkeitssatz: ein Rest von Ungewissheit

Doch mitten in dieser Welt formuliert Gödel seine bahnbrechende Entdeckung: den Unvollständigkeitssatz. Er zeigt, dass es in jedem logischen System Aussagen gibt, die wahr, aber nicht beweisbar sind.

© Julia Braunegger

Ein Gedanke, der das Fundament der Vernunft erschüttert. Die Welt ist nicht vollständig erklärbar. Es bleibt immer ein Rest von Ungewissheit.

Geplagt von Ängsten

Diese Erkenntnis ist nicht nur wissenschaftliche Theorie, sondern wird für Gödel zur existenziellen Erfahrung. Zunehmend plagen ihn Zweifel und Ängste, er leidet unter Verfolgungswahn.

Er fürchtet, vergiftet zu werden, und kann schließlich nur noch essen, wenn seine Frau Adele jedes Gericht vorkostet.

In ihr findet sich eine zweite zentrale Figur: eine Frau aus einer völlig anderen Welt – lebendig, pragmatisch, lebensnah - die versucht, ihn zu schützen – und dabei selbst an den Rand ihrer Kräfte gerät.

Über Sibirien in die Vereinigten Staaten

Das Stück führt weiter durch die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts: den Zerfall der Wiener intellektuellen Szene, die Ermordung Schlicks, die Flucht vor dem Nationalsozialismus.

Auf Gödels und Adeles Reise über Sibirien in die Vereinigten Staaten vermengen sich historische Realität und kafkaeske Absurdität zu skurriler Komik.

Gödel und Einstein

In Princeton schließlich begegnet das Publikum Albert Einstein, Gödels Freund und Weggefährten. In ihren Gesprächen verdichten sich die großen Fragen des Stücks: Was ist Zeit? Gibt es Gewissheit? Kann die Welt verstanden werden? 

© Julia Braunegger

Während Einstein noch an eine Ordnung der Welt glaubt, treibt Gödel sein Gedankenkonstrukt immer weiter – bis an die Grenze des Wahnsinns.

Spaltung des Selbst

Die Inszenierung übersetzt diese komplexe Struktur in eine vielschichtige Bildsprache, in der Schauspiel und Figurenspiel eng miteinander verbunden sind. Puppen treten als Doppelgänger, Erinnerungsfiguren und innere Stimmen auf.

Sie verkörpern das Kind, das Gödel einmal war, ebenso wie sein Alter Ego sowie die Geister, die ihn umgeben – und machen sichtbar, was sich dem rein psychologischen Spiel entzieht: die Spaltung des Selbst, die Wiederkehr von Gedanken, das Weiterleben im Erinnern.

Zwischen Vernunft und Zweifel

So entsteht ein Theaterabend, der nicht nur die Biografie eines außergewöhnlichen Menschen erzählt, sondern auch die großen Spannungen seiner Zeit: zwischen Vernunft und Zweifel, Wissenschaft und Glauben, öffentlicher Rolle und privater Zerbrechlichkeit.

Geister in Princeton ist ein Stück über die Grenzen des Wissens – und über die Sehnsucht nach Gewissheit in einer Welt, die sich ihr entzieht.