Wo steht die Freie Szene?
DER KULTURTALK MIT SIMON HAJÓS - ERSTE AUSGABE
Der erste Kulturtalk fand am 9. April statt und widmete sich der Freien Szene. Das komplette Gespräch ist hier als Video zum Nachsehen bereitgestellt. Simon Hajós sprach zunächst mit der Geschäftsführerin der IG Freie Theaterarbeit Ulrike Kuner und der Choreografin Sara Lanner. Festival-Leiter der Musiktheatertage Wien Georg Steker, der Regisseur Sarantos Georgios Zervoulakos sowie Kosmos-Theater-Leiterin Veronika Steinböck bereicherten die Diskussion mit weiteren wertvollen Beiträgen.
Im folgenden Text werden aus den Gesprächen nur einige Bereiche angeleuchtet. Der Talk in seiner kompletten Länge ist hier als Video nachzusehen.
Finanzielle Aussichten
Für Mitte Juni ist die Budgetrede angesetzt. 60 Millionen Euro sollen in den nächsten drei Jahren im Kunst- und Kultur-Bereich eingespart werden. Ulrike Kuner gibt Einblicke in die aktuellen Gesprächen zwischen den Interessenvertretungen und der Politik verlaufen.
Ebenso wird über das Fair-Pay-Modell gesprochen und Bilanz gezogen. Ulrike Kuner ist überzeugt, dass die Forderung nach fairer Bezahlung längst in der Politik angekommen ist - auch außerhalb Österreichs.
Außerdem weist Kuner darauf hin, dass die Empfehlungen einer Honorar-Untergrenze auch den Effekt erzielen, dass Künstler: innen dadurch besser wissen, was ihre Arbeit wert ist und dadurch besser verhandeln können.
Sara Lanner gibt zu bedenken, dass es nicht immer leicht ist, mit den Fördersummen den Fair-Pay-Schlüssel umzusetzen. Richtig schwierig gestaltet es sich aber, wenn zum Beispiel eine beantragte Förderung beim Bund oder Koproduktionsgelder nicht zustande kommen.
Später bringt Georg Steker die Fragestellung ins Gespräch, inwieweit Potenziale außerhalb der Förderungen vorhanden sind. Denn er sieht Österreich wenig entwickelt bei der Generierung finanzieller Mittel außerhalb der öffentlichen Hand im Vergleich zu anderen Ländern. Und schlägt deshalb vor, dass sich sowohl Institutionen wie auch die Freie Szene damit auseinandersetzen sollten - angesichts stagnierender Förderungen.
Veronika Steinböck erzählt, dass häufig Gastspiele aus der Schweiz im Kosmos Theater auftreten und diese gut von der Pro Helvetia finanziert sind. Umgekehrt muss Veronika nicht selten Festivals absagen, wenn diese Produktionen vom Kosmos Theater einladen möchten. Schlichtweg, weil dazu die Mittel fehlen: personell wie finanziell, um ein Gastspiel im Ausland zu stemmen.
Ulrike Kuner, Geschäftsführerin der IG Freie Theaterarbeit © David PayrVeränderung der freien Szene
Auf die Frage, wie sich die Freie Szene in den letzten zwanzig Jahren verändert hat, meint Ulrike: Einerseits hat der Grad an Professionalisierung zugenommen.
Andererseits beobachtet sie eine Tendenz, dass heute häufig die Erwartung vorherrscht, die volle Ausstattung und Infrastruktur zu bekommen.
Ulrike sieht darin einen Unterschied, wenn etwa für Künstler:innen in den 1980er Jahren es viel selbstverständlicher war, sich den Rahmen für ihre Kunst selbst zu organisieren.
Strukturelle Mängel
Gleichzeitig sieht Sara auch tatsächliche strukturelle Schwächen, die es für das Gros der Künstler:innen schwierig macht, international erfolgreich zu werden.
Ulrike bestätigt das - und wünscht sich ein offenes Produktionshaus, in dem Research möglich ist und ebenso Ausführungsmöglichkeiten vorhanden sind. Und zwar nicht kuratiert. Und auch zugänglich für nicht geförderte Projekte. Da hinkt Österreich schwer hinterher.
Sarantos ergänzt, dass es in Wien deutlich an Spielstätten mangelt für Produktionen aus der Freien Szene. Er selbst habe mit seiner letzten Produktion eine voll ausverkaufte erste Spielserie geschafft, dann aber nicht mehr die Möglichkeit bekommen, das Stück weiterzuspielen.
Sarantos setzt auch den Vergleich zu Griechenland: Dort finanziert sich der Kulturbetrieb zu neunzig Prozent privat.
Ebenso gibt es in Griechenland eine Vielzahl an privaten Produzenten, die in eine Produktion investieren - mit dem Ziel verbunden, das investierte Geld auch wieder retour zu verdienen. Das ist quasi das Gegenmodell zu Österreich.
Damit wird aber ein Kunstbetrieb geschaffen, der sehr viel möglich macht - sich gleichzeitig aber auch Geschmäckern und Filtern entzieht, die oft an den staatlichen Theatern anzutreffen sind.
Sara Lanner, Choreografin & Tänzerin
© Christine EbenthalAuslastung und Publikum
Im Hinblick auf ihre gezeigten Produktionen an Häusern sieht Sara bisher noch wenig Druck, wenn es zu schwach besuchten Vorstellungen kommt. Verbunden mit der Hoffnung, dass auch in Zukunft Theaterhäuser noch bereit sein werden, das Risiko einzugehen, Kunst einzuladen, die nicht nur hohe Auslastung zum Ziel hat.
Der Faktor Publikumszuspruch wird jedoch maßgeblich auch durch Qualität bestimmt, denkt Ulrike. Wenn einen Produktion richtig gut gemacht ist, dann kommen auch die Leute.
Sara sieht eine wesentliche Arbeit darin, um für ihre Vorstellungen Publikum zu gewinnen, persönliche Kontakte zu aktivieren. Was oft mit viel Arbeit verbunden ist.
Sie hat aber auch erkannt, umso mehr sie sich aus ihren Bubbles entfernt und Vorstellungen aus ganz anderen Sparten besucht, gewinnt sie wiederum aus diesen Bereichen neues Publikum für ihre Arbeit.
Diese Haltung unterstreicht Ulrike doppelt: Sie wünscht sich, dass sich die Freie Szene nicht nur mit der eigene Kunst beschäftigt, sondern sich noch stärker mit anderen Künsten auseinandersetzt. Auch international.
Für die Zukunft wünscht sich Ulrike, dass für die Freie Szene eine stärkere Infrastruktur eingerichtet wird für ein nachhaltigeres und kontinuierliches Arbeiten.
Denn bis jetzt erhalten die meisten Künstler:innen alle zwei bis drei Jahre eine Förderung, und müssen dann wieder neu beginnen, ihre Arbeiten auf den Weg zu bekommen.
Das verhindert den Aufbau einer künstlerischen Laufbahn - um auch international mithalten zu können.
Simon Hajós, Gründer der Kulturproduktion
© Stefan Fürtbauer
